Einblick
Schweizer Malerinnen Midcentury
Midcentury Schweiz · Malerei · Haltung
Die Akademien des 19. Jahrhunderts liessen keine Frauen zu. Das war kein Versehen — es war Regel. Wer als Frau malen wollte, studierte anderswo, stellte schwerer aus, und landete später oft am Rand der Kunstgeschichte. Das ändert sich. Vier Schweizerinnen, deren Werk diese Aufmerksamkeit verdient.

Félix Vallotton, Die Wäscherin, 1900. Public domain.
Helen Dahm
Helen Dahm, 1878–1968. Schweizer Malerin. Expressionismus.
Ihre Werke erscheinen regelmässig in Auktionen und Nachlässen — oft ohne lückenlose Dokumentation. Das ist kein Zufall: Dahm arbeitete jahrzehntelang ohne institutionelle Anbindung, und vieles, was sie hinterliess, ging direkt in private Hände über.
Helen Dahm, 1878 in Egelshofen geboren, arbeitete zehn Jahre in der Pension ihrer Mutter in Zürich, bevor sie mit achtundzwanzig nach München zog. Dort arbeitete sie zeitgleich mit dem Kreis des Blauen Reiter und bewegte sich in den Netzwerken der expressionistischen Avantgarde. Diese Begegnung hinterliess Spuren in ihrer Malerei — auch wenn ihr Werk eigene Wege ging.
1937, mit sechzig, reiste sie nach Indien, zum Ashram von Shri Meher Baba. Sie erkrankte an Ruhr und kehrte 1939 zurück. Sie malte weiter. 1954 erhielt sie den Kunstpreis der Stadt Zürich. Mit siebzig wandte sie sich der Abstraktion zu. Zu ihrem neunzigsten Geburtstag fuhr sie in einer Kutsche zum Festplatz, mit dem Stadtpräsidenten und einem roten Turban auf dem Kopf. Drei Tage später starb sie.
Dass sie verstand, wie man in einer Kunstwelt, die Frauen ignorierte, eine Wirkung erzeugt — der Turban, der Bauernhof, die Indien-Reise als bewusst gepflegte Haltung — gehört zu ihrem Werk so sehr wie die Bilder selbst.
Dunkle, gesättigte Farbigkeit — Konturen vereinfacht bis zur Archaik, Flächen dicht und schwer. Kein Expressionismus der Geste, sondern der Farbe.
Alice Bailly
Alice Bailly, 1872–1938. Genfer Malerin. Kubismus, tableaux-laine.
Das Kunsthaus Zürich zeigte ihre Wollbilder ab Oktober 2025 — fast neunzig Jahre nach ihrem Tod. Die Kuratorin Maja Wismer: «Mit Nadel und Wolle durchbrach Alice Bailly die Grenzen der Malerei.» Werke aus ihrer Lausanner Zeit dürften sich noch in Westschweizer Privatbesitz befinden.
Bailly erfand die tableaux-laine: Wollfäden, in parallelen Reihen über eine Baumwollbasis gezogen, als wären es Pinselstriche. Den Namen wählte sie absichtlich — nicht broderies, Stickerei, Handarbeit, das Weibliche, sondern tableaux, Gemälde. Die Kritiker lasen die Wolle als Beweis für Kunsthandwerk. Bailly widersprach: «Kunst ist keine Frage von Rock oder Hose.»
In Paris, ab 1906, bewegte sie sich in den führenden Avantgarde-Kreisen. Apollinaire würdigte ihre Arbeiten in den Pariser Salons. Frauen waren in den massgeblichen Schweizer Künstlerverbänden der Zeit lange nicht gleichberechtigt vertreten — das war die Welt, in der sie arbeitete.
1936 malte sie acht Wandgemälde für das Foyer des Stadttheaters Lausanne. Am 1. Januar 1938 starb sie in ihrem Atelier.
Spannung zwischen Figur und Abstraktion — Farbe, die nicht illustriert, sondern strukturiert. Bei den Wollbildern: Textur und Farbe als ein Medium.

Alice Bailly, Le Concert dans le jardin, 1920. Öl auf Leinwand. Musée cantonal des beaux-arts, Lausanne. Public domain.
Marguerite Frey-Surbek
Marguerite Frey-Surbek, 1886–1981. Schweizer Malerin. Postimpressionismus, Licht.
In Nachlässen können ihre Werke mit denen von Victor Surbek verwechselt werden. Die Handschriften sind grundverschieden — ein Blick auf ihre Farbigkeit genügt.
Marguerite Frey war frühe Privatschülerin von Paul Klee in Bern — 1904, als Klee selbst noch kaum bekannt war. Er erkannte ihre Begabung und schickte sie nach Paris, an die Académie Ranson, zu Vallotton, Vuillard, Maurice Denis.
Sie heiratete 1914 den Maler Victor Surbek. Gemeinsame Malschule in Bern — die Schule war gemeinsam, die Malerei nicht. Surbek arbeitete in der Nachfolge Hodlers: monumental, schwer. Frey-Surbek malte Licht. Die Monografie, die beiden gewidmet ist, trägt als Titel den Satz, den sie gesagt hat: «Als Künstler sind wir nicht verheiratet.»
Neben der Malerei gründete sie den ersten Mädchenhort in Bern, kämpfte für das Frauenstimmrecht, nahm während des Zweiten Weltkriegs verfolgte Künstler bei sich auf. Von 1942 bis 1948 sass sie in der Eidgenössischen Kunstkommission. 1981 starb sie in Bern, fünfundneunzig Jahre alt.
Sicherer Umgang mit Licht — Terrassen und Innenräume, Farbe als Struktur. Grundverschieden von Surbeks Monumentalismus.
Nelly Rudin · Hanny Fries · Binia Bill
Nelly Rudin, 1928–2013. Hanny Fries, 1918–2009. Binia Bill, 1904–1988. Zürich. Konkrete Kunst, Zeichnung, Fotografie.
Rudins Werke tragen oft nur Initialen. Fries-Gemälde werden in Nachlässen bisweilen von ihrem grafischen Werk getrennt und nicht als dieselbe Hand erkannt. Binia Bills Fotografien tauchen gelegentlich ohne Zuschreibung auf — getrennt vom Werk ihres Mannes Max Bill, in dessen Schatten sie lange stand. Alle drei sind in Schweizer Sammlungen vertreten — und tauchen gelegentlich dort auf, wo man sie nicht erwartet.
Nelly Rudin arbeitete in den 1950er Jahren in führenden Zürcher Ateliers — bei Josef Müller-Brockmann, im Umfeld von Max Bill und Camille Graeser — und wartete bis 1964, um den Schritt in die freie Kunst zu vollziehen. Die Direktorin des Haus Konstruktiv sagte gegenüber SRF: sie habe nicht den Mut gefehlt, sie habe die Disziplin der freien Kunst zu sehr respektiert, um sie unvorbereitet zu betreten. Erste Ausstellung 1968, Erfolg. NZZ-Nachruf 2013: «Atmen und Leuchten.»
Farbbeziehungen, die Wärme und Bewegung erzeugen — Geometrie als Erfahrung, nicht als Konstrukt.
Hanny Fries, geboren 1918, stammte aus einer Zürcher Malerdynastie: Grossvater Sigismund Righini, Vater Willy Fries. Dreissig Jahre lang zeichnete sie im Schauspielhaus — Dürrenmatt-Produktionen direkt auf Papier, am nächsten Morgen in der NZZ und im Tages-Anzeiger. «Ich werde bewegt von gewöhnlichen Sachen», sagte sie. Sie illustrierte über 120 Bücher. 1981 erhielt sie den Kunstpreis der Stadt Zürich.
Binia Bill fotografierte ab den 1930er Jahren den engsten Kreis der Schweizer Konkreten — Max Bill, Sophie Taeuber-Arp, Hans Arp — und schuf daneben ein eigenständiges Werk in Stillleben, Porträts und Blumenbildern. 2004 zeigte das Aargauer Kunsthaus ihr Werk erstmals in einer Einzelausstellung. Bis dahin war sie vor allem als Ehefrau bekannt.
Beiläufigkeit des Blicks — Figuren, die nicht posieren, Räume, die nicht inszeniert sind. Grossformatige Aquarelle mit Café- und Strandszenen gehören zu Fries' stärksten Arbeiten.
Auf denselben Wänden
In den Midcentury-Jahrzehnten hingen diese Malerinnen selten allein. Neben ihnen finden sich oft Werke von Albert Chavaz, Georges Borgeaud, Raphy Dallèves, Émile Chambon, Gustave Buchet, Philipp Bauknecht, Pierre Chiesa, Hans Brühlmann, Edmond de Pury — Maler derselben Generation, desselben Landes, oft derselben Netzwerke. Sammlungen, die über Jahrzehnte gewachsen sind, nicht nach System, sondern nach persönlichem Geschmack.
Der kunsthistorische Blick verschiebt sich. Positionen, die lange am Rand standen, werden neu gelesen, neu ausgestellt, neu bewertet. Werke dieser Künstlerinnen erscheinen regelmässig im Handel — oft ohne klare Zuschreibung oder mit unvollständiger Dokumentation. Nicht jedes Bild ist bedeutend. Aber manches wird es erst im richtigen Kontext.
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Quellen: Helen Dahm — NZZ, 2019 · helen-dahm.ch · Alice Bailly — Maja Wismer, Kunsthaus Zürich, 2025 · awarewomenartists.com · Marguerite Frey-Surbek — Schloss Spiez, Surbek-Sammlung · Bhattacharya-Stettler/Biffiger, Scheidegger & Spiess, 2018 · Nelly Rudin — SRF Kultur, Dez. 2013 · NZZ, Dez. 2013 · hauskonstructiv.ch · Hanny Fries — righini-fries.ch · SWI Swissinfo, 2018 · Binia Bill — Aargauer Kunsthaus, 2004 · max-binia-jakob-bill-stiftung.ch · Weiterführend: SWI swissinfo.ch — Viele Schweizer Künstlerinnen gingen vergessen – zu Unrecht · Marktdaten — Artprice Global Art Market Report 2024, artprice.com
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